Der ist für mich, bitte, bitte Oma!», ruft Gina ganz aufgeregt. Gina drängt sich nach vorne, stellt sich auf die Zehenspitzen und streckt ihrer Oma ihre kleinen schokoverschmierten Hände entgegen. «Natürlich, mein Spatz! Ich hab mir schon gedacht, dass er dir gefallen wird!», entgegnet die Oma lächelnd und überreicht ihrer jüngsten Enkelin den Luftballon.
So schnell sie kann, rennt Gina davon und versteckt sich auf dem Hochsitz des Kletterturms. Dass da niemand ist, weiss sie ganz genau. Die ganze Verwandtschaft sitzt an den Tischen und schreibt fleissig ihre Namen und Adressen auf die vorbereiteten Postkarten für den Luftballon-Wettbewerb.
An Omas Geburtstag steigt jedes Jahr eine riesige Gartenparty und immer freuen sich alle auf die Überraschung. In diesem Jahr ist es der Luftballon-Weitstrecken-Wettbewerb. Oben angekommen, öffnet Gina vorsichtig ihre Faust, der Ballon windet und streckt sich nach allen Seiten, bis er schliesslich ganz ruhig liegen bleibt. Mit seiner kräftigen Farbe leuchtet der Ballon so fest, wie wenn drinnen ein Lämpchen brennen würde. Die fünf grossen, silbernen Punkte darauf erinnern Gina an glitzernde Vollmonde! Tja, eigentlich hat Gina noch nie mehr als einen Vollmond gesehen. «Du bist wunderschön», strahlt sie ihren Ballon an und küsst ihn auf alle Punkte. «Hihi, hihi, das kitzelt. Aufhören, hihi! » fiepst plötzlich eine feine leise Stimme. Text: Yvonne Dmitriev-Schmocker Ginas Lächeln verschwindet in Nullkommanichts und macht Platz für ihre vor Schreck weit aufgerissenen Augen und den runden, offenen Mund. Hastig schaut sie umher und sucht nach dem Besitzer der Stimme. Das ist bestimmt Albi-Adlerauge, denkt sie. Wie der Blitz ist sie auf den Beinen, den Ballon hält sie wieder fest umschlossen in der Faust der linken Hand. Sie kontrolliert den ganzen Turm, bei der Leiter, bei der Rutsche und beim Geländer. Sie fühlt sich wie die Herrin auf einem Burgfried. Gina hat die ganze Situation im Griff – da ist nämlich niemand. Albi-Adlerauge heisst eigentlich Alberto und er ist ihr Cousin. Weil er sich aber überall einmischt und allen Kindern die Streiche vermiest, ist er eben nicht so beliebt unter den Kindern. Klar, dass sie sofort diesen Spion verdächtigt hat.
«Au, drück mich doch nicht so fest! Ausserdem spüre ich schon den Angstschweiss in deiner Hand!», hört sie schon wieder dieses Stimmchen rufen. Verblüfft öffnet sie ihre Faust und starrt den Ballon an. «Was guckst du denn so? Gerade eben war ich noch so schön und schon willst du mich zu Staub zerreiben?» Es klingt schon ein bisschen wie ein Schimpfen. Ginas Kinn klappt nach unten, wo es auch bleibt. Nach einer halben Ewigkeit hat sie sich wieder gefasst und ihr Erstaunen weicht allmählich einem Lächeln. «Ja, hallo. Du kannst sprechen? Super!» Vor lauter Freude schreit sie schon fast. «Ja selbstverständlich, was denkst du denn? Du kannst ja auch sprechen! Ausserdem bin ich heilfroh, dass ich dir ein bisschen Dampf machen kann, du würdest mit deiner Schwärmerei doch glatt den Wettbewerb verpassen!» Schon wieder ist Gina erst mal nur baff. Wieder ganz leise meint sie nur: «Ach so. Du möchtest also mit den anderen Luftballons um die Wette fliegen?» «Klar doch und wie!», quietscht der leuchtende Ballon vor Aufregung. Gina will gerade losrennen, da spürt sie ein Zwicken in der Hand. «Au, was machst du denn?» fragt sie empört. «Ich muss dir noch was sagen», wispert der Ballon. «Drei Dinge musst du ganz genau so machen, wie ich es dir sage, dann komme ich ganz bestimmt zu dir zurück!» – «Echt? Bist du ein Zauberballon?», fragt Gina mit gedämpfter, doch erwartungsvoller Stimme. In diesem Moment glitzert der Luftballon wie ein Diamant in der Sonne und leuchtet kurz auf, bevor er beginnt: «Erstens: Male mir ein Gesicht auf einen meiner Silberpunkte auf! Lachen will ich! Weisst du, lachen ist lustig, ich will immer lachen, hihi. Zweitens: Nicht zu viel Gas in meinen Bauch füllen! Meine Punkte spannen sonst so unangenehm, wie eine zu kleine Hose. Drittens: Mach die Schnur mit fünf Knoten an mir fest! Der erste Knoten bringt viel Wind, der zweite lässt die Sonne scheinen, der dritte weist den Regen ab, der vierte ruft eine Wolke, falls ich müde bin, und der fünfte ruft ein Vögelchen, falls ich in Not gerate.» Gina spitzt ganz gebannt die Ohren, langsam aber sicher ist sie verwirrt. «Träume ich eigentlich oder sitze ich vielleicht mitten in einem Märchenbuch?», fragt sie sich im Stillen. Plötzlich werden ihre Gedanken durch ein lautes Klatschen unterbrochen. Gina rafft sich auf und sieht, dass sich bereits die ganze Familie im Kreis aufgestellt hat. Alle – ausser Gina – sind bereit für den WettbewerbsStart. «Halt, halt!», schreit sie. Gina klettert so schnell sie kann vom Turm herunter und rennt zu ihrer Grossmutter. «Bitte, bitte Oma, warte ganz schnell. Ich bin gleich soweit!» Sie holt einen Stift und malt ein wunderschönes Gesicht auf einen der Punkte. Während ihre Mutter den Ballon mit Gas auffüllt, sieht sie plötzlich, wie ihr ein Luftballon-Auge zuzwinkert. Gina versteht sofort, was das bedeutet und stupst ihre Mama an: «Das ist schon genug, Mama.» Jetzt rennt sie schnell zum Tisch mit den Schnüren und Postkarten. Bei jedem Knoten denkt sie an die Worte ihres Zauberballons. Die Postkarte hat ihre Mama zum Glück schon vorbereitet; schnell ist auch diese noch festgemacht. Nun ist ebenfalls Gina soweit.
«Tschüss, mein neuer Freund. Pass gut auf dich auf und komm bitte wieder zurück!», flüstert Gina. Der Luftballon leuchtet wieder, dieses Mal war die Farbe noch intensiver als zuvor. Die Triangel wird angeschlagen, alle jubeln, johlen, lachen und lassen ihre Ballone steigen. Gerade als Gina auch ihren Luftballon loslassen will, hört sie ganz leise: «Küss mich bitte und bis bald. »Gina drückt ein zartes Küsschen auf den lachenden Ballonmund und lässt auch ihn mit dem Wind tanzen. Gina winkt und winkt, bis ihre Arme schmerzen. Dann klettert sie wieder auf den Turm und schaut ihrem Ballon so lange nach, bis er mit einem letzten silbernen Aufblitzen am Horizont verschwindet. Von nun an denkt Gina jeden Tag an ihren Luftballon mit den silbernen Punkten. «Ob er wirklich wieder kommt?», fragt sie sich täglich. Es sind schon mehr als vier Monate vergangen; einige ihrer Verwandten haben ihre Postkarten schon zurück erhalten. Marias Ballon hat es bis nach Deutschland geschafft. Aber das ist gar nichts. Der von Colomba wurde in Slowenien gefunden und Matteo hat nun neue Brieffreunde aus Bulgarien. Exakt fünf Monate nach Omas Geburtstagsfest liegt ein Briefumschlag neben Ginas Teller, als sie vom Kindergarten nach Hause kommt. Gina stockt der Atem, sie weiss genau, was das ist! «Jupiiiii, er ist wieder da!». Vor Freude tanzt sie um ihren Stuhl herum. Nicht die arabischen Schriftzeichen auf dem Umschlag machen sie überglücklich. Nein, diese kräftige Farbe, die durch das durchscheinende Couvert leuchtet, lassen ihr die Freudentränen in die Augen steigen. Sie hat ihn wieder, mit den Silberpunkten und dieser unbeschreiblichen Farbe, dieses leuchtende ...
Text: Yvonne Dmitriev-Schmocker