Lernen mit Computern

Computer sind heute an den meisten Schulen der Schweiz ein integrales Lerninstrument. Welche Chancen und Gefahren birgt die EDV in der Bildung und Erziehung von Kindern und Jugendlichen?

In den meisten Schulen der Schweiz sind Computer ein von Lehrern und Schülern selbstverständlich genutztes Lerninstrument.

In der Projektwoche beschäftigten sich die Schülerinnen und Schüler mit der Digitalfotografie und lernten, Fotos am Computer zu bearbeiten. Deutsche und französische Grammatik wie auch Mathematik oder naturwissenschaftliche Themen können unter anderem mit Lernprogrammen spielerisch abgefragt werden. In der Primarschule Warth-Weiningen TG stehen seit 2003 für die 4. bis 6. Klasse und seit 2004 für die Unterstufe Computer für den Schulunterricht im Einsatz. «Pro Schulzimmer stehen drei bis fünf feste sowie fünf mobile Geräte zur Verfügung. Wir gehören somit zu den ersten Schulen des Kantons Thurgau, die im grossen Rahmen mit Computern im Schulunterricht arbeiten», berichtet Hanspeter Inauen, Mittelstufenlehrer und ausgebildeter «IScout». Mittlerweile arbeiten auch der Kindergarten sowie die schulische Heilpädagogik und Logopädie je nach Bedarf mit ausgewählten Computerprogrammen. Über 100 000 Franken wurden in die IT-Infrastruktur investiert.

Mit zunehmendem Alter immer wichtiger

Computer sind heutzutage aus den meisten Schweizer Schulen nicht mehr wegzudenken. Neuere Studien zur Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen zeigen, dass die Beschäftigung mit Medien einen wesentlichen Teil der Freizeit in Anspruch nimmt. Vor allem bei männlichen Jugendlichen ist der Computer noch unverzichtbarer als Fernsehen. Etwa zwei Drittel der 15-jährigen Schülerinnen und Schüler verwenden den heimischen Computer laut Bundesamt für Statistik (BfS) mehrmals pro Woche. Die junge Generation kennt kein Leben ohne Internet. Viele Jugendlichen treffen sich nach der Schule im Internet: Sie tauschen in Chats Neuigkeiten aus, spielen online Poker, suchen auf so genannten Social-Networking-Portalen nach neuen Freunden aus der Region und googeln nebenher nach Lösungen für die Hausaufgaben. Jugendliche verbringen also einen Teil ihres Lebens im Internet und erschaffen sich so eine virtuelle Identität.

Computer an Schweizer Schulen

Auch an den meisten Schweizer Schulen hat der Computer längst Einzug gehalten. In 99 Prozent der Sekundarstufe I beispielsweise bestehen die nötigen Infrastrukturen, um den Schülerinnen und Schülern einen Zugang zum Computer zu ermöglichen. Und selbst 80 Prozent sind gemäss einer Befragung des BfS überzeugt, «dass die Schülerinnen und Schüler unbedingt solide Computerkenntnisse für das spätere Berufsleben erwerben müssen».

Unterrichtsqualität deutlich verbessern

Doch welche Erfahrungen machen Schulen mit dem Einsatz von Computern im Unterricht? Der Dachverband Schweizer Lehrerinnen und Lehrer (LCH) hat in den letzten Jahren eine Reihe von Studien in Auftrag gegeben, die den Stand der Erkenntnisse und wichtige zukünftige Handlungsfelder für die Primarschulstufe identifizieren. Die Studien wurden vom Institut für Medien und Schule der Pädagogischen Hochschule Zentralschweiz-Schwyz durchgeführt. Dabei zeigte sich erwartungsgemäss, dass in Kantonen mit klaren Vorgaben und grosser Unterstützung die Computer- und Internetnutzung im Unterricht selbstverständlicher war als in anderen Kantonen. Als entscheidend erwiesen sich auch klare Konzepte innerhalb der Schulen, wie Computer und Internet eingesetzt werden können. Der Forschungsbericht zeigt weiter, dass neue Medien in der Primarschule die Qualität des Unterrichts und der Schule deutlich verbessern können. Kinder haben offenbar Spass am Lernen mit Computer und Internet, gleichzeitig erwerben sie wichtige Medienkompetenzen. In Kombination mit offenen Formen des Unterrichts üben sie sich in neuen Wegen des selbstständigen Lernens, die für das Bestehen in einer sich schnell wandelnden Wissensgesellschaft besonders wichtig sind. Sinnvoll eingesetzt, können neue Medien die Lernergebnisse offenbar deutlich verbessern. Verschiedene Studien zeigen aber auch, dass Lehrpersonen - obwohl sie Computer grundsätzlich wichtig und sinnvoll finden - diese erst selten im Unterricht nutzen. Oft fehle die Zeit für die Einarbeitung und Vorbereitung. Entscheidend sind deshalb ausreichende Aus- und Weiterbildung, Beratung und Support, kommen die Studien zum Schluss. Neue Medien werden vor allem in jenen Schulen eingesetzt, die sich als ganzes Team für eine intensive Nutzung entscheiden und damit bestimmte Visionen verbinden.

Erkundungs- und Handlungskompetenzen

Welche Chancen und Gefahren der Computer im Schulunterricht bringt, war das Thema der Diplomarbeit von Oliver Schmid am Departement für Erziehungswissenschaften der Universität Fribourg. Ein grosser Vorteil des Computers im Schulunterricht liege darin, dass der Computer eine beinahe unbeschränkt grosse Anzahl an verschiedenen Erklärungsansätzen und Informationsquellen biete. Dies helfe den Schülern, eigene Vorgehensweisen und Vorstellungen zu entwickeln. Somit fördere der Computer die Erkundungs- und Handlungskompetenzen enorm. Weiter habe der Computer den Vorteil, dass man auf dem Bildschirm etwas ausprobieren kann, ohne durch das Experiment bestraft zu werden. Der Computer könne durchaus einen didaktischen Nutzen beinhalten, der tatsächliche Mehrwert sei jedoch stark von der Art und Weise, wie ein solches Mittel eingesetzt wird, abhängig. «Wir stellten fest, dass die Kinder unbeschwert, offen und neugierig an die Geräte herangehen», freut sich der Mittelstufenlehrer Hanspeter Inauen und betont: «Die Computer erlauben ein gezieltes, individuelles Lernen, das dank verschiedener Schwierigkeitsstufen der Lernprogramme auf das Lerntempo der Schüler Rücksicht nimmt.» Die Kinder ihrerseits schätzen es, vom Computer schnell eine deutliche und neutrale Antwort zu erhalten. Das Leseförderungsprogramm «Antolin» beispielsweise hat laut Hanspeter Inauen bei einigen Kindern zu einer wahren Leseeuphorie geführt, sodass manche Schüler im letzten Halbjahr bis zu 35 Bücher gelesen und diese am Computer mit Fragen nachbearbeitet haben. Wichtig sei, den Computer gezielt und zeitlich eingeschränkt einzusetzen. «Der Computer soll dann zum Einsatz kommen, wenn er den Unterricht sinnvoll ergänzen kann. Zudem braucht es von der Lehrperson klare Angaben und Richtlinien.»

Kreativität ausleben

Besonders Jugendliche erproben online Verhaltensweisen und lernen fürs Leben. Sie erfahren zum Beispiel, dass es auch im Internet Anstandsregeln und Verhaltenskodizes gibt. Virtuelle Identitäten unterstützen Jugendliche auf der Suche nach ihrem eigenen Selbst. Die relative Anonymität im Internet baut Hemmungen und Ängste ab. Die zwischenmenschliche Kommunikation ist einfacher. Im Internet können Jugendliche auch ihre Kreativität ausleben. Foto- und Videoportale ermutigen dazu, selbst zu fotografieren oder zu filmen. In vielen Online-Spielen sind aussergewöhnliche Ansätze zur Lösung von Aufgaben und Missionen gefragt. «Spiele wecken das Interesse für bestimmte Inhaltsbereiche und können sogar Wissen vermitteln, falls die Handlung einen ausreichenden Realitätsgrad besitzt oder in ihrer Fiktionalität eine Reflexion realen Wissens ermöglicht», betont Dominik Petko von der Pädagogischen Hochschule Zentralschweiz (siehe auch Interview). Diese Art von Medienkompetenz ist in der heutigen Gesellschaft eine Schlüsselqualifikation.

Individualisierung des Lernens

Zur Zukunft der neuen Medien in Schulen wurden mehr als 50 Expertinnen und Experten aus dem deutschsprachigen Raum im Rahmen einer Delphi-Studie befragt. Dabei geht es um die Prognose der Entwicklungen bis zum Jahr 2020. Digitale Medien dürften nach den Einschätzungen der Befragung in der Zukunft noch stark an Bedeutung zunehmen. Gleichzeitig müsse die Schule mit der noch stärkeren Heterogenität der Schülerschaft umgehen. Neue Medien helfen dabei mit Möglichkeiten einer stärkeren Flexibilisierung und Individualisierung des Lernens. Schlüsselfaktoren einer produktiven Entwicklung sind die Lehrpersonen.


Wie sinnvoll sind Computer für die Bildung und Entwicklung von Kindern?

Im Gespräch mit Professor Dr. Dominik Petko, Leiter Forschung und Entwicklung an der Pädagogischen Hochschule Zentralschweiz-Schwyz.

Wie sinnvoll ist Ihrer Ansicht nach der Einsatz von Computern als Lerninstrumente in Schulhäusern und Kinderzimmern?

Dominik Petko: Eine pauschale Antwort auf diese Frage ist kaum möglich. Es kommt immer darauf an, wie man die Computer einsetzt. Diese sind ein sehr vielseitiges Werkzeug mit unzähligen Möglichkeiten. So gibt es gute und schlechte Lernsoftware. Im Zentrum sollte immer das Lernziel stehen. Dann gilt es, das beste Medium mit dem grössten Mehrwert dafür auszuwählen. Computer können allerdings nicht nur einen Mehrwert bieten, sie sind auch deshalb wichtig, weil sie zu unserer Kultur gehören. Deshalb erstaunt es nicht, dass Kinder sich für diese virtuelle Welt interessieren.

Immer mehr Schulen setzen den Computer im Unterricht ein. Doch wie erfolgreich kommen die Rechner an den Schulen tatsächlich zum Einsatz?

Über 80 Prozent der Lehrpersonen nutzen den Computer gelegentlich im Unterricht. Dabei dominieren in der Primarschule vor allem die Lernprogramme und Spiele; später kommen auch Lehrerpräsentationen und Textverarbeitung hinzu. Viele Lehrpersonen verwenden den Computer, wie er im Alltag am gängigsten eingesetzt wird, aber leider nicht so, wie es am besten wäre. Sie nutzen nicht die vollen Möglichkeiten der Computer aus. Hier besteht noch Potenzial, denken wir etwa an den Umgang mit Bild, Ton und Video. So lassen sich die Resultate einer Gruppenarbeit auch mit Video dokumentieren; persönliche Portfolios können auf Weblogs geführt und Gruppenarbeiten gemeinsam verfasst werden. Auffällig ist auch, dass an den Schulen selten über Medien und Computer reflektiert wird. Warum macht man sich so wenig Gedanken darüber, wie die neuen Medien die Welt verändern? Das sind meiner Ansicht nach wichtige Aufgaben der Schulen und Eltern. Hier braucht es noch einiges an Aufklärungsarbeit.