Es gibt Tage, da wünsche ich mir eine Bedienungsanleitung für Teenies. Eine klare Schritt-für-Schritt-Anweisung: Wenn das Kind die Tür knallt, drücke Knopf A. Wenn es dich ignoriert, wähle Schalter B. Wenn beide wütend übereinander herfallen, drücke C oder geh in den Keller einen Schrank ausmisten. Gibt's aber leider nicht und so sitze ich da, mit meinen beiden Mädchen, 13 und 18, und versuche zu verhindern, dass wir uns alle in den Wahnsinn treiben.
Konflikte gehören in dieser Lebensphase einfach dazu, sagen Psycholog*innen. Teenies sind in einem Sturm aus Hormonen, Identitätssuche und Abnabelungsdrang gefangen. Das Hirn wird neu verkabelt, besonders der Teil – wir ahnen es –, der für Impulskontrolle zuständig ist. Da drinnen sieht's aus, wie derzeit am Zürcher Bellevue: ein grosses Baustellen-Durcheinander und es gibt manchmal kein Durchkommen. Wenigstens wissen wir aber, es ist irgendwann vorbei und keine Ewigbaustelle wie die Sagrada Família.
Studien zeigen, dass Jugendliche lernen müssen, Entscheidungen zu treffen – und zwar durch Ausprobieren. Allerdings wissen wir das selber aus eigener Erfahrung, dafür brauchen wir keine Studien. Das Gehirn befindet sich in der Pubertät mitten im Umbau: Der präfrontale Cortex, zuständig für rationales Abwägen, ist noch immer nicht ganz ausgereift. Dafür arbeiten die Emotions- und Belohnungszentren auf Hochtouren. Das erklärt, warum sich Teenies manchmal so verhalten, als hätten sie ihr Sicherheitsbewusstsein irgendwo in einer Umkleidekabine vergessen (da vergesse ich regelmässig Sonnenbrillen und Schirme).
«Streiten ist wichtig», erklärt der deutsche Familientherapeut Jesper Juul in vielen seiner Bücher. Auseinandersetzungen seien kein Zeichen von Versagen, sondern ein Beweis dafür, dass Kinder sich ernst genommen fühlen. Sie probieren Rollen aus, üben Grenzen und stellen Fragen nach dem «Wer bin ich?». Alles schön und gut und wichtig. Ja.
Aber wie damit umgehen, ohne durchzudrehen? Ein paar Dinge helfen tatsächlich (ein bisschen).
Erstens: Nicht jedes Gefecht muss ausgefochten werden. Expert:innen sprechen von «essenziellen» und «nicht-essenziellen» Konflikten. Essenziell sind Wertefragen: Respekt, Gewalt, Verantwortung. Nicht-essenziell ist, ob der Geschirrspüler sinnvoll eingeräumt wurde oder ob das Zimmer aussieht wie ein vergessenes Backstage-Zelt am Open Air Frauenfeld. Da darf man grosszügig sein.
Zweitens: Emotionale Distanz wahren. Klingt leichter gesagt als getan, wenn einem gerade laut vermittelt wird, dass man «die schlimmste Mutter der Welt» sei. Aber Psycholog:innen raten, nicht in denselben Takt zu fallen. Nicht zurückschreien. Durchatmen, den Song kurz laufen lassen – und erst dann reagieren. Das senkt die Eskalationskurve.
Drittens: Zuhören. Nicht nur, wenn die Stimmung friedlich ist, sondern gerade dann, wenn uns die Worte laut und verzerrt vor die Füsse geknallt werden. Meistens steckt dahinter ein Bedürfnis: Freiheit, Anerkennung, Sicherheit, Gesehenwerden. Wer zwischen den Zeilen hört, kann Brücken bauen, auch wenn es im Moment unmöglich scheint.
Natürlich gibt es auch Tage, an denen all das nicht funktioniert. Dann sitze ich da, ratlos, und frage mich, ob andere Eltern das besser hinkriegen. Wahrscheinlich nicht. Denn auch das gehört zur Wahrheit: Es gibt keine perfekte Lösung, wir müssen immer wieder mal abwägen. Zwischen Liebe und Loslassen. Zwischen Klarheit und Chaos.
Und wenn es ganz schlimm wird, halte ich mich verzweifelt an diesem Gedanken fest: Diese Konflikte sind ein Zeichen, dass die Kinder sich entwickeln. Dass sie lernen, sich abzugrenzen, eigene Meinungen zu vertreten. Am Ende ist es genau das, was sie stark macht. Und vielleicht braucht es gar keine Bedienungsanleitung. Aber zu wissen, dass wir nicht allein auf diesem Konzert sind, das hilft. ES GEHT UNS ALLEN GLEICH.