Warum ist es manchmal so schwierig, eine gute Kommunikation in der Familie aufrechtzuerhalten?
Eine «gute» Kommunikation ist nicht einfach, was vor allem auf drei grosse «Missverständnisse» zurückzuführen ist. Erstens werden wir nicht mit der Fähigkeit geboren, miteinander zu kommunizieren, auch wenn wir dazu neigen, das Gegenteil zu glauben. So wie wir unsere Muskeln im Fitnessstudio trainieren können, müsste auch unser emotionales System ständig trainiert werden. Stattdessen gehen wir davon aus, dass wir eine natürliche Fähigkeit haben, zu kommunizieren, auch innerhalb der Familie.
Zweitens spielen wir in einem familiären Umfeld eine bestimmte Rolle – Vater, Mutter, Ehemann, Ehefrau, Sohn, Tochter etc. – und wir halten es für selbstverständlich, dass wir in dieser Rolle perfekt sein müssen. So sehr, dass wir dies von allen anderen Mitgliedern auch verlangen. Die Zugehörigkeit zur Familie erzeugt in der Praxis bei uns eine Erwartungshaltung gegenüber den anderen Mitgliedern, die zu einer starken Verzerrung der Beziehungen führt. Denn in Wirklichkeit übernehmen wir die Rolle der Eltern, des Kindes, der Grosseltern immer auch mit unserer eigenen Art, die sicherlich nicht unbedingt perfekt ist.
Schliesslich gibt es noch einen dritten Grund, der sich mit dem Satz zusammenfassen lässt: «Zu meiner Zeit wurde das nicht so gehandhabt». Das weist gewissermassen auf die Erwartung hin, dass alle in der Familie gleich sind. In Wirklichkeit leben in jeder Familie mindestens zwei Generationen nebeneinander. Und wir alle wissen, wie unterschiedlich die Welt ist, je nachdem, in welchem Alter man ihr begegnet. Und in der heutigen Zeit gibt es grosse Generationsunterschiede. Diese manifestieren sich nicht nur zwischen Eltern und Kindern, sondern sogar zwischen Geschwistern, die nur wenige Jahre auseinanderliegen.