Ich finde es wahnsinnig schwierig. Nicht das Darüber-Urteilen, was ich in Ordnung fände und was nicht, da habe ich ziemlich genaue Vorstellungen, sondern hier einen Weg mit dem Kind zu finden, der für beide Parteien stimmt. Und dies, ohne dass das Kind heimlich noch einen Privataccount eröffnet, zu welchem die Elternschaft keinen Zugang hat und somit dann zwangsläufig auch keine Ahnung, was das Kind da draussen so treibt.
Im Moment habe ich das Glück – und ich nenne es Glück, weil ich bis dato somit eben keine solchen Kämpfe austragen musste – dass mein Social-Media-taugliches Kind nicht das Bedürfnis verspürt, sich auf den sozialen Medien zu präsentieren. Es konsumiert Inhalte, aber bildet sich selbst nicht wirklich ab. Das Kind will das (noch) gar nicht. Doch ist mir sehr wohl bewusst, dass es rundherum anders aussieht. Ich sehe gleichaltrige Kinder, die ich noch vom Kindergarten kenne, die heute aufgedonnert und lasziv durch die Kanäle tänzeln. Im ersten Moment bin ich etwas geschockt, war diese Person doch erst noch ein Kind, und dann, tja, guckt mir da plötzlich eine stark geschminkte Frau mit wallendem Haar und geschürzten Lippen entgegen.
Dass ein Teenager sich ausserhalb des engsten Kreises präsentieren möchte, ist auch Teil des Herausfindens, wer man ist und wer man sein möchte. Das haben wir alle auch gemacht. Ich hatte Phasen, die ich aus stilistischer Sicht lieber aus meinem Gedächtnis löschen möchte. Der Unterschied ist einfach, dass mich damals die Leute um mich herum in echt, physisch anwesend hätten beurteilen können, es manchmal auch taten, direkt und mit direkten Worten. Und Bilder konnten auch einfach weggeworfen oder jemandem wieder weggenommen werden. Aber bei der Selbstdarstellung auf Instagram bietet man die Möglichkeit der Beurteilung Hunderten, wenn nicht Tausenden Menschen. Und viele kennt man nicht einmal. Und was draussen ist, ist grundsätzlich draussen.
Ich bin wirklich sehr sehr froh, gab's das bei mir damals noch nicht, denn ich hätte mich in den sozialen Netzwerken sicherlich auf unangenehmste Weise ausgetobt, und dann natürlich immer auch gecheckt, ob ich hier und dort ein paar Likes kriege. Aber was passiert, wenn die ausbleiben? Was passiert, wenn es Kommentare reinschneit, die richtig weh tun? Was passiert, wenn auf dem Pausenplatz über die eigenen Postings gelacht wird?
Es macht sehr viel Sinn, wenn wir unsere Kinder da ein wenig begleiten. Die Selbstdarstellung ist ein Teil des Teenagerdaseins und nicht nur für die Anerkennung wichtig, sondern dient auch der Identitätsbildung, die in diesem Alter von grosser Wichtigkeit ist. Die Selbstdarstellung ist eine zentrale Entwicklungsaufgabe. Social Media macht zwar alles ein wenig komplizierter, aber es gibt da ein paar Dinge, wo wir unsere Kinder unterstützen können:
- Wir wissen es und tappen trotzdem immer wieder in die Falle, aber es ist unerlässlich, dass wir uns immer wieder in Erinnerung rufen, dass die Wirklichkeit in der digitalen Welt immer schöner und besser und toller ist als das wahre Leben. Oft sind es auch Momentaufnahmen, so wie wenn wir Fotoalben durchblättern, in die es auch nur die tollsten Fotos schaffen. So gesehen ist dies im Grunde auch nicht verkehrt, wir sollten uns dies einfach in Erinnerung behalten und unsere Kinder immer wieder mal darauf hinweisen.
- Die Schönheitsideale und -ziele werden in den sozialen Medien sehr hochgesteckt. Alle sehen immer top aus. Erinnern wir unsere Kinder daran: Die Menschen werfen sich in Pose, es werden Filter verwendet, das richtige Licht genutzt. Das kann dem Selbstwert schaden, doch das Bewusstsein dafür, dass alles schöner ist und wirkt als in echt, kann dies wieder etwas geraderücken.
- Wer eigene Bilder postet, soll sich darüber im Klaren sein, dass diese Bilder auch ohne Einverständnis verbreitet werden können. Dies kann zu Cybermobbing, Stalking oder Hassreden führen. Wir tun alle sicher gut daran, wenn wir uns – je nach Bild – sehr gut überlegen, ob wir dieses so in die Welt hinauslassen möchten.
- Sich selbst zu inszenieren, soll und kann auch Spass machen, es muss aber auch nicht alles immer gepostet werden. Falls doch, sollte man sich auch mal fragen, wie authentisch das Bild ist, ist es das, was man von sich zeigen möchte, entspricht es dem Selbst und welche Reaktion erhofft man sich darauf, und was, wenn diese ausbleibt?
- Bei der Selbstinszenierung sollte man sich auch immer die Frage stellen, wie man wahrgenommen werden möchte und ob das Bild dieses Bild erfüllt.
- Die Privatsphäre ist was Schönes, diese dürfen wir nicht leichtfertig aufgeben. Die Frage, was man aus seinem Leben öffentlich teilen möchte, macht daher sicher Sinn. Inhalte aus dem Netz sind schwierig zu löschen und es ist auch denkbar, dass jemand bereits einen Screenshot davon gemacht hat. Dennoch könnte man ab und an das eigene Profil ausmisten und löschen, was einem nicht mehr zusagt.
- Dieser ganze soziale Vergleich auf Instagram, Tiktok, Facebook & Co. und das Konsumieren fremder Inhalte in schön kann zu Selbstwertproblemen führen. Daher ist es wichtig, hier im Dialog zu bleiben. Auch gibt es anonyme Stellen, wo sich das Kind Hilfe holen könnte, falls es nicht mit den Eltern darüber sprechen mag.